Kormoran

Hier ist alles Mögliche

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HHSCHOCK
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Re: Kormoran

Beitragvon HHSCHOCK » 20.11.2019, 10:52

Das kommt zustande weil du Meck Pomm mit demNeckar vergleichst.

Ansonsten guckst du hier : https://www.lfvbw.de/2-uncategorised/14 ... hafen-2019

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Re: Kormoran

Beitragvon Fliegender Holländer » 20.11.2019, 14:12

Salút Hans-Hermann,

genau! MeckPomm ist eben nicht der Neckar. Dort im Norden gibt's reichlich naturbelassene Gewässer mit allen erforderlichen Teilhabitaten. Dementsprechend gut sind deshalb auch die meisten Fischbestände, nicht nur beim Hecht, und das trotz der über 12.000 Kormoranbrutpaare. Das heißt allerdings nicht, die Kollegen in MeckPomm würden nicht ebenfalls meckern und Massenabschüsse fordern. Man ertragt es halt nicht, am/im Wasser einen Konkurrenten zu haben. Klassischer Futterneid...;-)

Zu deinem Link: Meinst Du den Vortrag von Frau Dr. Gaye-Siessegger? Auch dort sehe ich keine Angaben über die Mortalität geschädigter Fische. Die sonstigen Zahlen kenne ich bereits.

Beste Grüße

Kurt

P.S.: @HNX: Wie es bei Dir in der Heilbronner Gegend aussieht, weiß ich nicht, aber generell ist der Kormoranbestand in Baden-Württemberg wohl noch leicht am wachsen. In Hessen dagegen ist die Brutpopulation tatsächlich rückläufig.

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Re: Kormoran

Beitragvon TJ » 20.11.2019, 18:40

Die Zahl der Kormorane ist in der Tat im Raum Heilbronn gefühlt weniger als vor ein paar Jahren wo teils über 500st gezählt wurden.
Aber der Kormoran ist eben wie ne Heuschreckenplage Wenn's nix mehr zu fressen gibt geht's weiter.
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Re: Kormoran

Beitragvon HNX » 21.11.2019, 20:09

TJ hat geschrieben:Die Zahl der Kormorane ist in der Tat im Raum Heilbronn gefühlt weniger als vor ein paar Jahren wo teils über 500st gezählt wurden.
Aber der Kormoran ist eben wie ne Heuschreckenplage Wenn's nix mehr zu fressen gibt geht's weiter.


Fängst doch gut, also noch genug Fisch da... :D
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Re: Kormoran

Beitragvon TJ » 21.11.2019, 22:32

Aber nicht zu vergleichen mit "Früher"
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Re: Kormoran

Beitragvon Fliegender Holländer » 24.11.2019, 14:06

Salút TJ, salút HNX,

die Frage ist allerdings, woran das liegt. Als ich 1985 nach Deutschland kam und im nächsten Jahr hier in Heidelberg zu angeln begann, gab es zumindest im Unteren Neckar wohl tatsächlich viel mehr Fisch-Biomasse als heute. Bei den Weißfischen konnte man damals regelrechte Massenfänge machen. Rotaugen und Güster gab's mitunter wie am Fließband, dicke Döbel waren praktisch allgegenwärtig (deren Menge scheint übrigens nur wenig abgenommen zu haben), und auch ordentliche Brachsen gingen damals öfters an den Haken. Aber... Das Neckarwasser war in den Achtzigern auch deutlich nähstoffreicher, der Fluss hatte die Gewässergüteklasse 2,5 und war somit eutrophiert (obwohl man dieser Begriff eigentlich nur für Seen verwendet). Heute beträgt der Wert - je nach Ermittlungsmethodik - 1,8 bis 2,1. Je mehr Nähstoffe, desto mehr Fisch, zumindest was der reinen Biomasse betrifft. Bestimmte Arten wie z. B. Salmoniden aber auch Barben kommen mit der Eutrophierung allerdings nicht gut zurecht, und ab Gewässergüteklasse 3 drohen Fischsterben und das "Umkippen" eines (Fließ)gewässers infolge von Sauerstoffzehrung. Okay: lange Rede, kurzer Sinn: Die verbesserte Wasserqualität durch immer mehr und immer bessere Kläranlagen hat ganz klar zu einer Abnahme der Fischbestände geführt. Am Bodensee und ein paar Schweizer Seen fordern Berufsfischer deshalb eine Erhöhung der Phosphateinträge, um das Planktonwachstum und damit die Fischerträge anzukurbeln. Der Kormoran hat damit nur am Rande etwas zu tun. Klar, die Vögel fressen Fische, und wenn es letztere nachweislich weniger gibt, verschärft sich der Konkurrenz zwischen den fliegenden Kameraden und ihren zweibeinigen Kollegen. Daher der stetige Schrei nach Schußwaffengebrauch. Kann man machen, bringt aber nicht viel, denn die wahren Problemen liegen woanders, eben bei uns Zweibeinern und unseren Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

Hans-Hermann Schock hat das Angeln hier im Forum mal sehr treffend als "das Abschöpfen von Naturerträge" bezeichnet. Zur Natur gehört allerdings auch die sogenannte Prädation durch den Kormoran. Ökosysteme mit aller Gewalt nach menschlichen Vorstellung zu gestalten führt eigentlich immer zu (oft üblen) Schäden. Salopp gesagt: Zuerst verhunzen wir den Laden, und geben dann die Natur die Schuld. Nee Leute, so kommen wir nicht weiter...

Beste Grüße

Kurt

P.S.: Kleine Bitte nochmals an Hans-Hermann: Wie komme ich zu den Untersuchungsergebnissen über die Fischsterblichkeit durch kormoranbedingten Verletzungen?

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Re: Kormoran

Beitragvon HHSCHOCK » 24.11.2019, 16:10

Bei der LFUBW oder Fischereiforschungstelle in Langenargen.

Du redest hier von Rückgang der Nährstoffe im Neckar. Hast du eine Ahnung welche Zahlen (Phosphatgehalt) in dem nicht so überdüngten Gewässer sind? In Stuttgart ca. 125 mg. Viel mehr Futter für Fische und Fischnährtiere geht nicht. Vielleicht ist der Kormoran doch der limitierende Faktor?

Es gibt eine Untersuchung der LFUBW in Zusammenarbeit mir der Fischereiforschungsstelle an der Jagst aus der klar hervorgeht dass der Fischbetand exorbitant ansteigt wenn die Kormorane vergrämt werden. Natürlich habe ich solche Diskussionen mit Vogelfreunden schon 100 mal geführt. Aber das scheinen halt Dogmatiker zusein. Nur sie haben recht indem sie alle nicht passenden Untersuchungen negierieren oder in Frage stellen.
Du erinnerst mich mit deiner Art alles in Frage zu stellen irgendwie an eine Taube mit der man Schach spielt. Am Ende rennt sie über das Brett, schmeisst alles um und rennt wie der Sieger umher und scheisst auf das Schachbrett.

Es grüßt dich hier zum letzten male
Hans-Hermann Schock

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Re: Kormoran

Beitragvon Mitschman » 25.11.2019, 11:15

HHSCHOCK hat geschrieben:... Du erinnerst mich mit deiner Art alles in Frage zu stellen irgendwie an eine Taube mit der man Schach spielt. Am Ende rennt sie über das Brett, schmeisst alles um und rennt wie der Sieger umher und scheisst auf das Schachbrett.

Es grüßt dich hier zum letzten male


Hallo HHS,

schade, dass der Ton in der Diskussion so ins Negative abdriftet. Es hat den Eindruck, als fühlst Du Dich von Kurt persönlich angegriffen … aber er fragt doch lediglich danach, wie sich Deine Thesen belegen lassen. Es geht ja eigentlich nur darum, dass uns die Zahlen, mit denen wir argumentieren, nicht irgendwann um die Ohren fliegen und dann das Gegenteil von dem bewirken, was wir möchten.

Ich schätze Deinen großen Einsatz fürs Angeln sehr und weiß, dass die Angler im Land Dir viel zu verdanken hat (ein Beispiel sehen wir im Thread „Anlieger frei“). Aber manchmal denke ich, dass der Effekt der Bemühungen noch größer wäre und dass man nicht so schnell in eine Pöbler-Ecke abgeschoben würde, wenn die Aussagen und Argumente in Diskussionen (ob nun mit Nicht-Anglern oder innerhalb der Anglerschaft) eindeutig auf der sachlichen Ebene blieben.

Das nur als kleiner Anstoß von mir.

Viele Grüße von Michael

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Re: Kormoran

Beitragvon Faulenzer » 25.11.2019, 14:02

Der Kormoran kann sicherlich nichts dafür. Er folgt nur der Aufgabe die Ihm die Natur auferlegt hat - Jagen um den Fortbestand zu sichern.

Nur nehmen wir mal die Neckar- Fakten eine monotone Betonrinne, Schifffahrt, alle 10m ein Ruder-Club, Müll, Kraftwerke, ein Partyfloß mit schlechter Musik, Grundeln,... und es fehlen Generationen an Fischen - Auch ohne Zahlen, sieht man, dass der Neckar "ziemlich im Arsch" ist und nicht ansatzweise in der Lage ist, den Kormoran weiterhin zu dulden.

Das eigentliche Problem ist doch, dass Naturschutz in Deutschland über die eigene Bequemlichkeit definiert wird. Würden Naturschützer handeln, dann würden mit Sicherheit schon lange nachhaltige Konzepte umgesetzt, die im Sinne von "Barsch und Kormoran" sind.
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Re: Kormoran

Beitragvon TJ » 25.11.2019, 20:57

Also aus den Fangstatistiken in unserem Verein und auch sicher vieler anderer ist relativ gut zu sehen wie mit auftreten der Kormorane der Fischbestand zurückgeht.
Weniger Nährstoffe? Kann ich nicht bestätigen in den letzten 25 Jahren sind auch nicht unbedingt so viele neue Kläranlage gebaut worden das war schon vorher der Fall.

Das der Kormoran nur seinem Instinkt nachgeht ist auch klar.
Klar ist aber auch früher geb es ihn nicht und unser Ökosystem wie wir es so kennen hat sich ohne diesen Vogel entwickelt und ist nicht darauf eingestellt.
Der Neckar als Industriefluss mit spärlichen Laichmöglichkeiten ist sicherlich besonders prädestiniert für so eine massive Auswirkung durch den Kormoran.
Aber auch in Gewässern die Ökolgisch besser dastehen in meinem Fall die Jagst und der Kocher haben massiv mit Kormoranen zu Kämpfen.
Wenn an einem Gewässer wie der Jagst die oftmals recht flach ist, sich der Fischbestand von mehrere Km im Winter in Tieferen ruhigeren Bereichen sammelt. Und dann kommen Schwärme von Über 80 Kormoranen und fallen dort regelrecht ein dann ist dort schnell der Bestand auf Jahre hin massiv beeinträchtigt und das selbst wenn es ein einmaliges Ereignis wäre. Was es aber leider nicht war/ist. Gerade in harten Wintern wenn Seen zugefroren sind kommen große schwärme und fallen über die Eisfreien Fließgewässer her.
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Re: Kormoran

Beitragvon HNX » 26.11.2019, 09:27

TJ hat geschrieben:Also aus den Fangstatistiken in unserem Verein und auch sicher vieler anderer ist relativ gut zu sehen wie mit auftreten der Kormorane der Fischbestand zurückgeht.
Weniger Nährstoffe? Kann ich nicht bestätigen in den letzten 25 Jahren sind auch nicht unbedingt so viele neue Kläranlage gebaut worden das war schon vorher der Fall.

Das der Kormoran nur seinem Instinkt nachgeht ist auch klar.
Klar ist aber auch früher geb es ihn nicht und unser Ökosystem wie wir es so kennen hat sich ohne diesen Vogel entwickelt und ist nicht darauf eingestellt.
Der Neckar als Industriefluss mit spärlichen Laichmöglichkeiten ist sicherlich besonders prädestiniert für so eine massive Auswirkung durch den Kormoran.
Aber auch in Gewässern die Ökolgisch besser dastehen in meinem Fall die Jagst und der Kocher haben massiv mit Kormoranen zu Kämpfen.
Wenn an einem Gewässer wie der Jagst die oftmals recht flach ist, sich der Fischbestand von mehrere Km im Winter in Tieferen ruhigeren Bereichen sammelt. Und dann kommen Schwärme von Über 80 Kormoranen und fallen dort regelrecht ein dann ist dort schnell der Bestand auf Jahre hin massiv beeinträchtigt und das selbst wenn es ein einmaliges Ereignis wäre. Was es aber leider nicht war/ist. Gerade in harten Wintern wenn Seen zugefroren sind kommen große schwärme und fallen über die Eisfreien Fließgewässer her.


Mal kurz offtopic. @TJ Wie sieht denn aktuell der Bestand der Jagst aus nach 2015?
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Re: Kormoran

Beitragvon Faulenzer » 26.11.2019, 12:50

Das der Kormoran ein Fischbestände auslöscht, einen Millionenschaden verursacht,... - Okay die Message ist angekommen.

Überall liest man nur "Die Kescher bleiben leer" - Ja es ist echt verdammt "scheiße" und frustrierend wochenlang nichts zu fangen.

Klar hatte ich meine Anfälle, als ich wie Rumpelstilzchen am Neckar gehüpft bin und über Gott und die Welt geflucht habe.
Schnell kommt man auf die Idee, alle Kormorane abschießen und Anzahl Jahreskarten x 60,00€ = Jährlicher Besatz.
Nur wenn man mal etwas länger darüber nachdenkt, was würden es bringen? Wären wir dann alle Glücklich?
Wie würde der Besatz aussehen? Karpfen und Regenbogenforellen? Ein paar würden sich sicher freuen, die verbliebenen
Kormorane satt werden, aber der Großteil noch immer mit einem leeren Kescher am Ufer stehen. Da man ja viele Zander, Barsche
und Hechte fangen will und davon min. 5 Stück pro Art. Angenommen der Neckar würde jedes Jahr 15 Tonnen aus eigener Kraft
produzieren und der Kormoran nur 5 Tonnen essen. Würde uns der Kormoran interessieren?

Wir verfluchen die Grundel, aber im Gegenzug wünschen Sich viele Seen voller Schwarzbarsche. Welche Proteste gibt es von einem Großteil, wenn Pächter nachhaltig handeln und Fangbegrenzungen einführen, Schongebiete ausdehnen oder vielleicht Kartenpreise erhöhen damit Maßnahmen finanziert
werden können?

Jetzt verlangt man allerdings von "Angler" Ihren Beitrag, um den Fischbestand wieder in einen halbwegs gesunden Bereich zu bringen.
Nochmal: Wenn jeder einen vollen Kescher hätte, wer würde dann laut schreien "schießt den Kormoran ab"?

Wer steht auf der anderen Seite, die Schicht der Gesellschaft die man gerne Zeigt. Doch wie sieht ein Wochenende der Durchschnittsfamilie aus.
Die Mutter fährt mit einem Q5 zum Supermarkt, welcher die Waren per LKW und in Mengen von Plastik verpackt angeliefert bekommt. Für Ihr gewissen
nimmt Sie eine Papiertüte um all die schicken Lebensmittel zu verpacken. Dann fährt Sie Ihre Kinder im Q5 zu dem größten Marketing Gag der 2000er
"FFF". Am Samstag fährt Ihr Mann mit dem Q5 an den Neckar, er rudert gerne in der Natur. Am Sonntag fährt die ganze Familie mit dem Q5 an den Max-Eyht-See um spazieren zu gehen. Nachdem der ganze Grillqualm überwunden ist, stößt man auf einen schönen Vogel. Dort lässt man sich von jemanden bei dem vieles im Leben falsch gelaufen ist über diesen Vogel aufklären. Im ganzen Weihnachtshype spendet man noch großzügig an den Nabu oder Peta und lässt sich eine Spendenquittung geben. Zufrieden und mit dem Gewissen, das Sie aktiv etwas für die Natur tun, lassen Sie sich einen Zander aus einer russischen Aqualkultur schmecken.

Nun möchte ich die Gesichter sehen, wenn Sie Sonntags lesen "100 Kormorane kaltblütig abgeschossen"- Ein gefundenes fressen für die die jetzt zwanghaft an Ihrem Vogel festhalten, die den Schaden tolerieren und fördern und die wenigen die sich patriotisch für den Fischbestand und uns Angler einsetzten würden noch mehr an den Pranger gestellt werden.

Um etwas zu machen, muss sich in vielen Köpfen stark was ändern und solange das nicht passiert hört man nur "Bla, Bla", Studie und Gegenstudie wären der Fischbestand "elendig" zu Grunde geht.

Forscher leben von Studien und es gibt ein Sprichwort "Wer zahlt schafft an"!
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Re: Kormoran

Beitragvon Fliegender Holländer » 26.11.2019, 22:04

Guten Abend miteinander,

heute morgen habe ich mal mit Frau Dr. Gaye-Siessegger von der Fischereiforschungsstelle in Langenargen telefoniert. Sie kennt keine Untersuchungen zur Sterblichkeit von Fischen mit kormoranbedingten Verletzungen, weder aus ihrem Institut noch von der LUBW. Zitat: "Ich wüsste gar nicht, wie das funktionieren sollte." Da hat sie gewiss recht. Eine solche Studie wäre, methodologisch gesehen, eine extreme Herausforderung und wohl auch ziemlich kostspielig. Man müsste die Fische, die von Kormoranen verwundet werden, einfangen, markieren, sie wieder schwimmen lassen und später wieder aufspüren. Alternativ: Fische fangen, typische Kormoranverletzungen imitieren/simulieren, wieder freilassen und schauen, wie viele überleben. Ebenfalls schwierig und vermutlich auch tierschutzrechtlich nicht unbedenklich...

Wenn Du, Hans-Hermann, tatsächlich solche Untersuchungen kennst, dann bitte gebe mir doch genauere Hinweise. Ja, ich stelle vieles in Frage - das nennt man Wissenschaft. Gerade die Ökologie ist ein extrem komplexes Feld mit noch sehr vielen weißen Flecken. Da müssen Ansichten und (liebgewonnenen) Annahmen immer wieder hinterfragt werden. In diesem Sinne zurück zur Kormorandebatte. Leider stehen die Neckar-Messwerten online nur eingeschränkt zur Verfügung, doch einen kleinen Überblick über die Nährstoffbelastungen gibt es in diesem Bericht (www.lubw.baden-wuerttemberg.de/document ... 8de82ca96e) auf Seiten 85-87. Die Abnahme der Phosphat- und Nitratkonzentrationen ist deutlich erkennbar, auch wenn die Ersteren vielerorts noch immer zu hoch sind. Dennoch hat sich die Lage vor allem zwischen den Siebzigern und Ende der Neunziger Jahre signifikant gebessert. Deshalb noch eine Frage an Hans-Hermann: Wo und wann in Gottes Namen habt Ihr oder wer auch immer in Stuttgart 125 mg/l (ortho-?) Phosphat gemessen???

Die Produktivität eines Gewässers basiert in erster Linie bekanntlich auf die Primärproduktion, sprich dem Wachstum von (einzelligen) Algen/Phytoplankton und andere "Wasserpflanzen"/Makrophyten. Sie schaffen die Basis der Nahrungspyramide. Phosphat und Stickstoff/Nitrat kurbeln die Primärproduktion an. Im Neckar ist dieser quasi Dünger zwar noch immer reichlich vorhanden, aber wenn es um die letztlich für Fische verfügbare Biomasse geht, kommen noch ganz andere Faktoren ins Spiel. Zwei wenig beachtete Akteurinnen sind zum Beispiel die beiden Körbchenmuschel-Arten der Gattung Corbicula, die sich seit Anfang der Neunzigern im Neckar breitgemacht haben. Sie vertilgen Unmengen Phytoplankton und damit potentielles Fischfutter. Belgische Forscher untersuchten vor einigen Jahren den starken Rückgang der Rotaugen-Population in der mittleren Maas. Ihren Studienergebnissen zufolge ist der Einbruch in erster Linie den Körbchenmuscheln zu verschulden, die dort in sehr großen Mengen vorkommen. Die Phytoplankton-Biomasse dagegen hat um 85 Prozent abgenommen. Nun "tickt" der Maas ökologisch zwar ein wenig anders als der Neckar, aber beide Flüsse haben auch Ähnlichkeiten, und Körbchenmuscheln gibt's bei uns ebenfalls satt. Die belgischen Kollegen schlossen übrigens auch die Auswirkungen des Kormoran-Frassdrucks am Maas in ihre Analyse mit ein. Der Vogel spielt durchaus eine Rolle, aber eben nur eine untergeordnete. Ach ja, und dann gibt es natürlich noch die ganzen anderen eingewanderten Arten wie die Grundeln, die Quagga-Muscheln, und nicht zu vergessen der Höckerflohkrebs Dikerogammarus villosus - praktisch ein T. rex in Mikroformat. Nagt sogar Libellenlarven an. Jeder dieser Neozoen beeinflusst das Nahrungsangebot der Fische, aber genaueres ist kaum bekannt. Man sieht: Es gibt keine einfache Erklärungen und somit auch keine einfache Lösungen.

Natürlich mag man so wie Faulenzer der Meinung sein, dass der geschädigte Neckar den Kormoran weiterhin nicht "dulden" kann, aber was heißt das im Endeffekt? Wir rotten eine heimische Tierart lokal (fast) aus, um den Fischerbestand zu fördern und den Fangertrag zu verbessern? Leerfressen wird der Kormoran den Neckar nicht, dass er seinen Tribut fordert, steht allerdings außer Frage. Verstärkter Abschuss würde also auch die Fischpopulationen ansteigen lassen (denselben Effekt würde übrigens auch ein Angelverbot haben...), aber nach der Logik sind dann die Gänsesäger, Haubentaucher, Zwergtaucher und Eisvögel die nächsten. In Österreich verlangen Angler sogar den Abschuss des gerade erst wieder zurückgekehrten Fischotters. Noch Fragen? Du, Faulenzer, schreibst "Nochmal: Wenn jeder einen vollen Kescher hätte, wer würde dann laut schreien "schießt den Kormoran ab"? " Schau doch mal nach Meck-Pomm, dem Anglerparadies schlechthin auf deutschem Boden. Da kann man Hechte praktisch auf Ansage fangen, und dennoch fordern unsere Kollegen dort eine drastische Verringerung der Kormoranbestände - Zerstörung von Brutplätzen inklusive. Wollen wir wirklich wieder Babyvögel aus dem Nest ballern, so wie damals zu Kaisers Zeiten?

Nicht falsch verstehen: Ich bin nicht gegen Vergrämungsabschüsse zum Schutz hochgefährdeter Gewässer und Fischbeständen. Das kann in einzelnen Fällen wirklich sinnvoll sein. Der unter Anglern weit verbreiteten Kormoran-Hetze kann und will ich mir aber als Biologe nicht anschließen. Vergiss den schwarzen Sündenbock und schaut lieber auf die wahren Problemen. Und ja: Um die Lage unserer Gewässer zu verbessern braucht es noch viel mehr Studien. Wir wissen immer noch viel zu wenig darüber, was alles unter der Wasseroberfläche passiert. Das sollten sich auch die Vogelfanatiker vor Augen führen.

Beste Grüße

Kurt

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Diggler
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Re: Kormoran

Beitragvon Diggler » 27.11.2019, 22:17

Guter, differenzierter und aufschlussreicher, weil mit Fakten hinterlegter Beitrag. In der Diskussion wünsche ich mir mehr davon und weniger sinnloses Messerwetzen!
ab 2018 nur noch am oberen Neckar.

Herr Schneider
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Re: Kormoran

Beitragvon Herr Schneider » 30.11.2019, 10:32

Lieber Kurt,

auch von meiner Seite aus vielen Dank für deinen Beitrag. Ich weiß nicht, ob du beruflich in der Richtung unterwegs bist, aber es hört sich auf jeden Fall an, als wärst du wirklich drin in dem Thema. Es tut auch gut mal einen Beitrag zum Thema Kormoran zu lesen, der ohne diese "alle Vogelgucker sind dumm", "Kormoran totmachen" und "die Wissenschaftler sind alle gekauft" Rhetorik auskommt.
Vor allem über letzters bin ich echt immer wieder erstaunt. Es mag ja sein, dass sich irgendwelche Leute einen lustigen Namen für ein Institut einfallen lassen und man dann bei denen entsprechende Studien "einkaufen" kann. Aber wenn es eine dem Land oder Bund unterstellte Forschungseinrichtung ist, dann machen die in der Regel ihren Job richtig und sind auch nicht von irgendwelchen Grünen "unterwandert" oder was man da immer liest. Das sind Wissenschaftler und die arbeiten nach wissenschaftlichen Kriterien. Und da muss man es halt einfach auch aushalten, dass die Gutachten nicht immer eindeutige Lösungen präsentieren. Wie Kurt schon sagt, ist die Ökologie ein Feld in dem viele Faktoren zusammenspielen und manche hat man vielleicht noch nichtmal auf dem Schirm. Da ist schwierig zu sagen, X % aller Grundeln müssen weg(die standen übrigens vor einer Weile auch schon im Verdacht den Neckar auszurotten) oder Baden-Württemberg verträgt nur die Anzahl X an Kormoranen, der Rest wird abgeschossen.

Wie dem auch sei, sollte man den Kormoran wirklich bekänmpfen, wie sähe sowas konkret aus, bzw. wer macht das dann?
Die Jäger die ich kenne, sind beschäftigt genug ihre Abschüsse für Wild zu erzielen, ich kann mir nicht vorstellen, dass die so scharf darauf sind Kormorane zu jagen, bzw. deren Nester aus Bäumen zu schütteln...
Und selbst wenn, der 9er ist ja fast komplett von Wohngebieten oder Straße umgeben, dürfte man da überhaupt schießen? Oder erschießt man die im Wasser und die treiben dann im Neckar?
Und ob sich die Anwohner in Stuttgart Hofen über ständiges Vergrämungsgeböller am Max-Eyth-See freuen, wage ich mal zu bezweifeln...


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